Crematory war und ist eine Band, an der sich schon immer die Geister schieden. Während in großen Teilen der Presse meist nur schlechte Kritiken und negative Artikel zu lesen waren, feierten die Anhänger der Band jedes neue Album wieder aufs neue ab. Sogar Musikerkollegen ließen sich zu Kommentaren herab, die bestenfall als knapp unter der Gürtellinie anzusehen waren. Besonders mit dem deutschen Album konnte sich die deutsche Presse nicht anfreunden und verriß es durch die Bank weg. Trotzdem wurde dieses Album der bis dato größte Erfolg der Band, welcher sogar in einem Charteinstieg gipfelte. Auch mit dem neuesten Opus "Awake" ist es nicht anders gewesen. Presseschelte auf der einen, Fanjubel auf der anderen Seite. Wir hatten die Gelegenheit, mit Harald, dem Bassisten von Crematory, am Rande der Out of the dark Part IV Tour zu sprechen.

Ihr seht euch in der Presse immer großen Anfeindungen ausgesetzt und eure Alben bekommen immer relativ schlechte Kritiken. Auf euren Konzerten hingegen sind alle Fans gut am abfeiern und haben ihren Spaß. Normalerweise ist es eigentlich umgekehrt, das die sogenannten Kritikerlieblinge eigentlich Fantechnisch unter ferner liefen zu suchen sind. Wie kommt ihr damit klar?

Uns ist es auf jeden Fall lieber so rum. Es sind zwar nicht alle Hefte, die schlecht über uns schreiben, aber als Band mußt du damit leben. Was soll ich mich da verrückt machen, wenn die Kritiken nicht so toll sind. Wichtig ist, das die Leute auf den Konzerten ihren Spaß haben und ihnen die Platte gefällt. Ich sag mal, die Schreiberlinge sind nicht die, die die Platten kaufen, auf Konzerte gehen und dort Party machen.


Aber auch in der Musikszene allgemein werdet ihr immer wieder mit Dreck beworfen, wenn ich da nur mal an Bruno Kramm von Das Ich denke, der sehr nachhaltig speziell über eure Keyboard-sounds gelästert hat. Ich schätze mal, das er nicht unbedingt euer Wunschkandidat für einen etwaigen Remix ist, oder?

Ach weißt du, keiner von uns kennt ihn persönlich und es ist eigentlich schade, das er, ohne uns zu kennen, uns dermaßen beleidigen mußte. Sicher sind wir alle nicht die Supermusiker, aber die Leute entscheiden letztendlich, was Sache ist, was ankommt und was nicht. Und wenn jetzt irgendein Musiker ankommt, der uns noch nicht einmal persönlich kennt, und sagt der Keyboardsound stimmt hinten und vorne nicht, dann soll er es doch auf seinen eigenen Platten besser machen. Uns ist das zu blöd, jetzt zu sagen, Bruno Kramm ist ein blödes Arschloch, da wir ihn nicht persönlich kennen.


Nachdem dieses Thema abgehandelt ist, laß uns über angenehmere Dinge reden. Wie würdest Du eure Entwicklung von ersten Album, welches doch ziemlich Deathmetal-Lastig war, bis hin zu den heutigen Sachen, die mehr in die Gothic-Metal Ecke tendieren, beschreiben?

Nunja, wir haben als eine Deathmetal-Band angefangen, das Demo war wirklich Deathmetal-Lastig mit nur ein paar Keybord-Passagen. Auf der ersten Platte dann wurde das Keyboard schon mehr verwendet, aber ab der zweiten Platte haben wir das Keyboard als zweite Gitarre genutzt. Wir machen halt die Musik, die uns gefällt. Es hat sich von Platte zu Platte herauskristallisiert, das wir immer melodischer wurden. Das ist ein großer Verdienst von Lotte, er bereitet die Lieder auf der Gitarre und dem Keyboard vor. Wenn er uns dann die Songs vorspielt, geben wir noch unsere Tips dazu. So entstehen eigentlich alle unsere Lieder.


Es ist also nicht so, das Katrin, eure Keyborderin, so dominant ist, das sie sagt "Ich will mehr Keyboard oder ich steig aus!", sondern eine demokratische Entscheidung innerhalb der ganzen Band? (Gelächter auf beiden Seiten!)

Nein nein, das ist von der ganzen Band genau so gewollt!


Euer Gitarist Lotte ist heute nicht dabei, bahnt sich da etwa still und heimlich ein Wechsel an?

Unser Gitarist Lotte hat eine Sehnenscheidenentzündung, von daher stand die Tour ziemlich auf der Kippe, aber wir wollten unbedingt diese Tour machen. Absagen wäre für die Leute Scheiße gewesen, die wegen uns gekommen wären. Also hat sich der Matze bereiterklärt, das Programm innerhalb von zwei Wochen einzuüben.


Das klappt also ganz gut?

Sehr gut sogar. Er spielt normalerweise bei Shit for Brains, so eine Thrash/Hardcore-Band.


Auf eurem neuen Album habt ihr es gewagt die heilige Gruftie-Ikone "Sisters of mercy" zu covern. Wir seid ihr ausgerechnet auf diese selbst-mörderische Idee gekommen? Ich meine jede kleine Gruftieband hat zwar schon irgendwann mal Sisters gecovert, aber selten jemand "Temple of love".

Der Song hat eindeutig Kultstatus. Wir hatten halt Bock, irgend etwas zu covern. Da wir aber alle ziemlich unterschiedlichen Geschmack haben, konnten wir uns am ehesten bei den Sisters treffen. Warum sollten wir dann nicht ihren Übersong covern? Gerade bei so Kulthits besteht natürlich die Gefahr, daß man da etwas kaputtmacht, aber wir haben uns gedacht, da trauen wir uns dran und denken, daß wir das auch ganz gut hinbekommen haben. Man kann auch hören, daß das Crematory und nicht die Sisters sind, wir haben den Song also nicht einfach nur nachgespielt.


Warum hat denn Kattrin nicht noch so Ofra Haza-mäßige Backingvocals eingesungen?

Ich will mal so sagen, sie hat nicht das Zeug dazu. Du kannst nichts erzwingen. Sicherlich wäre es Studiomäßig kein Problem gewesen. Man kann da soviel tricksen. Das ist aber nicht unser Ding, Studiomäßig alles hinzubiegen und Live dann abzukacken.


Wie würdest Du generell eure Liveshow bezeichnen? Ist sie eher im klassischen Motörheäd-Stil gehalten, also auf der Bühne stehen und spielen oder geht es eher in die Rammsteinecke, nach dem Motto "Viel Rauch um nicht ganz so viel"?

Showelemente im eigentlichen Sinne haben wir nicht, wo wir aber sehr viel Wert drauf legen, sind gewisse Lichteffekte. Wir studieren jedoch kein Liveprogramm ein, wir gehen auf die Bühne und spielen so wie wir Bock haben.


Ändert ihr eure Song live ab oder bringt ihr sie so wie auf Platte?

Normalerweise singt ja Lotte die Backingvocals, aber da er fehlt, hat Matze einen Teil davon übernommen. Den Rest mußte dann auch Felix übernehmen. Matze hört sich zwar nicht so an wie Lotte, aber irgendwie muß es ja gehen. Weil einen DAT wollten wir auch nicht da hinstellen, das wäre irgendwie Beschiß. Je nach Laune variiert Felix schonmal seine Stimme, aber dafür spielt man ja live. Ein paar Unterschiede sind da schon, sonst könnte man ja auch keine Show machen. Ganz genau wie auf Platte geht ja auch nicht, weil wir im Studio zwei Gitarren einspielen, auf der Bühne aber nur eine haben. Aber sonst bleiben wir doch ziemlich nahe an den Alben dran.


Wie liefen bisher die Konzerte für euch auf der Tour?

Das ist jetzt der fünfte Gig, Cottbus, der zweite Gig, war ausverkauft. Hamburg war jetzt wieder nicht so toll, aber das Markthallen-Publikum ist für seine Zurückhaltung ja bekannt. Aber im großen und ganzen lief es ganz gut.


Mit den Bands kommt ihr auch ganz gut aus, keine Streitereien, Prügeleien oder sonstigen Skandale?

Nö, bis jetzt noch nicht.


Wie sehen eure weiteren Pläne aus, bezüglich einer Headlinertour und so weiter?

Konkret geplant ist da jetzt noch nichts. Wenn sich aber etwas ergeben sollte, dann wohl Anfang nächsten Jahres eine Headlinertour mit zwei Vorbands.


Bei den Out of the dark-Festivals seid ja auch ihr Headliner.

Nicht ganz, wir headlinen die zwei Wochen, die wir hier in Deutschland spielen. Im Ausland tauschen wir dann mit Therion die Position, so daß dann Therion der Hauptact ist.


Wie seid ihr mit eurem Label zufrieden, wie kamt ihr auf Nuclear Blast?

Nach dem deutschen Album war der Vertrag mit Massacre erfüllt. Da man sich ja auch musikalisch weiterentwickelt und seinen Vertrag erfüllt hat, checkt man auch ab, was so alles möglich ist. Es waren halt Angebote von einigen Plattenfirmen da. Warum soll man nicht nachsehen, was so ein andres Label bringt und ich denke mal, Nuclear Blast sind da schon sehr gut am Start. Sie sitzen in Deutschland, es sind sehr gute andere Gruppen auf dem Label und sie machen viel für ihre Bands. Deshalb sind wir dieses "Risiko" eingegangen. Klar, es ist ein neues Arbeiten, vorher wußten wir, wer für was zuständig ist, das sind Sachen, die müssen wir alle völlig neu herausfinden. Wir fühlen uns bei Nuclear Blast nicht benachteiligt und die Zusammenarbeit klappt wunderbar.


Warum seid ihr nicht die Schiene vom Live-Album weitergefahren, welches ihr ja in Eigenregie veröffentlicht habt?

Zu der Zeit waren wir ja Vertragsfrei und wir haben uns umgeschaut nach neuen Labels. Da dazwischen anderthalb Jahre Zeit waren, haben wir uns gedacht, daß wir zum Übergang halt die Live-Scheibe selber herausgebracht. Das war schon eine gewisse Herausforderung, weil du vorher nie genau weißt, was auf dich zukommt. Es ist auch eine Menge Arbeit auf die Band zugekommen. Wir hatten da noch nicht so die Ahnung, wie das alles so läuft. Es war aber nie geplant, das wir ein eigenes Label machen, auf dem dann alle unsere nächsten Alben veröffentlicht werden. Es war von Anfang an klar, das wir wieder zu einem Label gehen würden.


Wieviele Live-Alben konntet ihr denn so ca. absetzen?

Oh, das weiß ich gar nicht so genau, so ca. 16000, glaube ich.


Steht ihr zu euren alten Platten?

Sicherlich, warum nicht?


Es ist also nicht so, das ihr jetzt sagt, ihr wollt damit nichts mehr zu tun haben, oder so?

Es ist ja eigentlich so, das jetzt dann neue Album "Awake" der Nachfolger von der "Just dreaming" ist, da das deutsche Album ein Experiment für uns war, von wegen der deutschen Texte und auch musikalisch klingt es ja anders als "Illusion" oder eben "Just dreaming". Das kann man auch am Cover erkennen, das deutsche Album hatte vom Stil her ein ganz anderes Cover, während wir jetzt wieder mit unserem alten Coverzeichner zusammenarbeiten. Wir stehen voll und ganz zu dem deutschen Album, aber es sollte nicht als Nachfolger von "Just dreaming", sondern als etwas eigenständiges gesehen werden.


Würdet ihr den sagen, daß das Experiment deutsches Album schiefgegangen ist?

Auf keinen Fall, die Kritiken waren zwar, wie immer, nicht besonders toll, aber es hat sich gut verkauft. Es war das erste Album, mit dem wir in die Charts eingestiegen sind. Deshalb kann man wohl kaum von einem Mißerfolg reden. Es war halt etwas anderes.


Warum seid ihr dann diesen Weg nicht weitergegangen?

Das war eigentlich von vornherein klar, das wir den Weg mit dem deutschen Album nicht weitergehen würden. Wir wollten nur mal etwas anderes ausprobieren, die Gitarren sind etwas rockiger und das Keyboard war noch weiter im Vordergrund. Selbst wenn das Album voll abgegangen wäre, hätten wir nicht in dem Stil weitergemacht.


Wie lauten eure weiteren Pläne?

Erstmal eine Tour, um "Awake" zu promoten und dann werden wir uns hinsetzen und neue Stücke schreiben.


Auch den Song "Awake"?

Ja sicherlich, das ist halt Felix sein Konzept, auf jeder Platte einen Song mit dem Titel der letzten zu haben.


Felix ist ja für alle Texte verantwortlich. Woher bezieht er seine Inspirationen?

So Sachen wie Leben nach dem Tod, Träume und alles was da so reinfällt interessiert ihn halt persönlich, genau wie mich auch. Wir unterhalten uns dann darüber, was dann in stundenlanger Diskussion ausartet, aber speziell auf dem neuen Album sind die Texte doch eher persönlicher Natur. Er hat halt noch die Themen, über die er schreibt, aber es diesmal schon mehr aus seiner Sicht. Die Erfahrungen, die er so gemacht hat, haben bei der "Awake" dieses mal eine größere Rolle gespielt.


Seid ihr eine religiöse Band?

Religiös? Nein, wir sind keine religiöse Band. Klar, durch die Texte manchmal fließen gewisse religiöse Sachen mit ein, aber das hängt eben mit dem Thema zusammen. Wir sind keine Satanisten, wir sind keine Christen, sondern offene Menschen, die mit offenen Augen durch das Leben gehen.


Steht denn eine Ideologie hinter der Band?

Eigentlich versuchen wir nur mit unserer Musik Gefühle auszudrücken, die dann auch textlich verstärkt werden. Wir sind aber niemand, der sagt: "Hört euch unsere Texte an, so wie es steht, so soll es sein!". Jeder, der genau zuhört und sich die Texte durchließt, soll sich seinen Teil da raus ziehen. Ich habe schon mit Leuten gesprochen, die gesagt haben, der Text ist so und so, der nächste kommt an und für den sagt der Text etwas ganz anderes aus.


Wird es auch in Zukunft bei ein paar deutschen Texten bleiben?

Beim neuen Album war es eigentlich nicht geplant, deutsche Texte mit reinzunehmen. Es hat sich einfach so ergeben, das der Felix gesagt hat "Ich sing den Refrain vom Crematory-Lied auf deutsch", da er ihn so Ausdrucksstärker findet. Wir sagen nicht, das wir nie wieder ein deutsches Album machen, wir halten uns da alle Möglichkeiten offen.


Wie geht der Songwritingprozess bei euch vonstatten?

Lotte kommt mit dem Grundgerüst eines Songs bei uns an. Dann bringt jeder seine Ideen dazu ein und so entstehen die Songs. Ich würde sagen, so ca. 60-70% kommt vom Lotte, der Rest wird dann von der Band beigesteuert.


Am späteren Abend hatte ich die Gelegenheit mit Felix, dem Sänger, zu reden. Hier folgen nun in aller Kürze seine Statements:

Wie kamt ihr auf "Temple of love" als Coversong?

Wir haben lange gemeinsam überlegt, welchen Song wir covern könnten. Da die Musikgeschmäcker innerhalb der Band sehr weit auseinandergehen, wir uns aber alle beim Dark Wave treffen, lag es Nahe, einen Song aus diesem Bereich zu nehmen. Nach weiteren Überlegungen entschieden wir uns für einen Song von "Sisters of Mercy", da speziell diese Band jedem von uns gut gefällt. Als wir dann soweit waren, warnte uns jeder davor, ausgerechnet "Temple.." zu covern, da man sich nicht an Heiligtümern vergreifen sollte. Denn nicht einmal Sisters selbst würden den Song noch in ansprechender Weise live spielen können. Sie würden dabei Versagen, ihren eigenen Song anno 97 zu covern. So etwas zu versuchen wäre Blasphemie. Da war uns klar, das es genau dieser Song sein müßte. Wir haben inzwischen sehr viele Reaktionen gerade auf diesen Song bekommen, aber auf alle Fälle mehr positive als negative.


Ihr seid nicht gerade als Partytiere bekannt, die sich ihren After-Show-Feten hingeben. Vielmehr kommt es häufig vor, das ihr nach jeder Show nachhausefahrt. Ist das nicht eine unheimlich große Belastung für euch?

Das kommt daher, daß auf uns zuhause immer noch eine ganze Menge Arbeit wartet. Markus hat nebenher noch seine Manegmentgeschichte, die Katrin hat nebenher eine Layoutfirma für Covergestaltung und so und ich habe auch noch was zu tun mit so einigen Demobands.


Ihr würdet auch nachhause fahren von z.B. Hamburg aus?

Ich sag mal, wenn es Strecken sind, die sich innerhalb von 10 Stunden bewältigen lassen, dann fahren wir auf jeden Fall. Die Katrin reißt solche Strecken locker ab. Die haut sich auf so einer Fahrt ca. 5-6 Liter Kaffee rein und brettert durch.


Ich möchte auch bei dir das Thema "Bruno Kramm" zur Sprache bringen.

Ich maße mir ncht an, über eine Person zu urteilen, die ich nicht kenne. Ich kenne zwar seine Musik, aber deshalb kann ich mir noch lange kein Urteil über seine Person erlauben. Ich kann dazu nur sagen, das wir durchaus unsere eigenen Keyboardsounds benutzen und nicht die werksseitig mitgelieferten. Er hat über uns recht negativ im Rock Hard und im Metal Hammer geredet. Aber da diese Zeitungen eh seit Jahren relativ negativ über uns schreiben, war uns das nicht so wichtig. Die Hauptsache ist, das es den Leuten gefällt, sie zu unseren Konzerten kommen und ihren Spaß haben. Wir bekommen sehr viele Reaktionen, das unsere Scheiben gut wären und wir uns aus den negativen Kritiken nichts machen sollten. Auch, und gerade, beim deutschen Album war das wieder der Fall gewesen, das die Presse mit ihrer Meinung ganz anscheinend völlig daneben lag. Deswegen mach ich mir da auch gar keinen Kopf drum.


Ich denke, das Crematory weiterihren Weg gehen werden und der Erfolg, den sie bei ihren Fans haben, gibt ihnen auch völlig recht. Außerdem sind sie Live eine feste Größe, deren Show auch gefällt, wenn man nicht unbedingt auf den typischen Crematory-Sound steht. Wenn sie bei euch in der nähe spielen, schaut sie euch an und scheißt darauf was die Presse schreibt. (Außer natürlich darauf, was wir hier schreiben)